1910 erste Schlachterei in Heidmühle eröffnet
Von Schlachtermeister Hermann Franzen in der Oldenburger Straße 24
Am 29. Oktober 1910 stand in der WZ folgende Notiz: „Herr Schlachtermeister Franzen aus Jever, der sein Geschäftshaus dortselbst an Herrn Goldschmied Härtel verkaufte, erwarb sich in Heidmühle einen Bauplatz. Er wird einen Neubau errichten lassen und sein Geschäft hier fortsetzen. Dieser Enschluß des Herrn F. wird hier mit Freuden begrüßt, mußten doch bis jetzt alle Fleischwaren aus Jever beschafft werden.“
Hermann Franzen (*1882 in Sillenstede) hatte bei dem Schlachter Oberkron in Jever sein Handwerk gelernt und sich 1906 in der Großen Burgstraße mit einer eigenen Schlachterei mit Ladengeschäft selbständig gemacht. Noch im selben Jahr folgte die Heirat mit der gleichaltrigen Elisabeth Erkes aus Schoost. 1906 war auch das Jahr, in dem der schnell wachsende Ort um die Heidemühle das Statut der selbständigen Bauernschaft erhielt. Er hatte zwar schon einige Kolonialwarengeschäfte, aber wie das Kirchdorf Schortens keine Schlachterei.
Diese Situation nutzte Hermann Franzen: Mit seinem Pferdegespann fand er vorzugsweise in der Gemeinde Schortens zunehmenden Absatz für seine Fleischwaren, und so reifte in ihm der Entschluss, seine Schlachterei von Jever nach Heidmühle zu verlegen.
Das von Wilhelm Oeltermann erworbene Grundstück Oldenburger Straße 22 war zwar schmal, aber reichte bis zur Bahn und bot ausreichend Platz für sein Vorhaben. Er ließ von seinem Bruder Heinrich Franzen, Bauunternehmer in Jever, 1910 das neue Wohn- und Geschäftshaus und dahinter ein Stallgebäude mit dem Schlachtraum und der Wurstküche errichten.
Hertha Schüler (*1919) weiß aus der Familiengeschichte: „Mein Vater belieferte viele Kolonialwarengeschäfte: in Heidmühle Wilhelm Detjen (später Paul Kunst, Johann Gembler) und Johann Lottmann (später Hasenkamp), in Schortens Lübbo Hinrichs. Er fuhr auch weiterhin mit dem Pferdegespann über Land, meistens sonnabends: nach Schoost, Addernhausen, Barkel und Grafschaft, zu Hinrichs in Accum, Theodor Pekol in Sillenstede und zum Parkhaus Moorwarfen. Das hat er auch nach dem Krieg so beibehalten.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er zum Militär eingezogen. Meine Mutter stand mit ihren vier kleinen Kindern Erich (*1907), Regine (*1908) Richard (*1911) und Anna (*1915) allein da, sie hat aber die Schlachterei mit Fremdpersonal weitergeführt. Bei der Marineversorgungsstelle Heidmühle konnten Marinesoldaten als Aushilfskräfte angefordert werden.
Aber besonders „Onk Krey“, wie wir Kinder ihn nannten, war für Mutter eine große Hilfe. Er war der amtlich bestellte Fleischbeschauer. Eigentlich hatte Anton Krey aus Schortens eine kleine Landstelle, hauptsächlich war er Leichenbestatter. Beim Schlachten nun führte er den Vorhammer zum Betäuben, bevor das Schwein gestochen wurde.
Ich kenne vom Erzählen eine kleine Anekdote aus dieser Zeit. Der selbst kinderlose Onkel Krey fragte immer meinen kleinen Bruder Richard: ,Büst du Opas Jung of büst du mien Jung?‘ Und prompt kam die Antwort: ,Ik sün dien Jung, Onk Krey, ik sün ganz alleen dien!‘ Fragte ihn daraufhin mein Großvater, antwortete Richard ohne Zögern: ,Ik sün doch dien Jung, Opa, ik sün ganz alleen dien!‘ Das Wortspiel wurde zur Belustigung aller öfter wiederholt. Ich selbst wurde erst nach dem Krieg geboren. Mein Vater nannte mich immer „unser Friedenskind“, aber Onk Krey kannte ich noch gut. Er kam doch als Trichinenbeschauer bis zum Zweiten Weltkrieg.“
Obwohl nach dem Krieg weitere Schlachtereien in Heidmühle und Schortens entstanden, florierte das Geschäft. Hermann Franzen hatte die Nase vorn, er ließ als erster ein begehbares Kühlhaus im rückwärtigen Teil des Geschäftshauses einbauen. 1922 kam der älteste Sohn Erich als erster Lehrling beim Vater in die Lehre. Danach folgten noch sieben weitere Lehrlinge.
Doch in der Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit wollte Hermann Franzen ein zweites Standbein: Er begann eine eigene Landwirtschaft. Dazu kaufte er am Mühlenweg und in Sande Land und hielt bis zu 20 Milch-kühe und mästete selbst Schlachtschweine. 1933 übernahm Hermann Franzen zusätzlich die Schlachterei Schild in der Kaiserstraße 20 (heute Menkestraße). Sie wurde bald danach von seinem Sohn Erich geführt. Erich Franzen hatte sich in Emden seinerzeit mit einer Schlachterei selbständig gemacht und kam nun zurück nach Heidmühle. Er heiratete am 28. Dezember 1933 Else Liebig, die Tochter des Försters Richard Liebig.
Auch die Töchter Anna (*1915) und Hertha halfen im elterlichen Betrieb, im Haushalt, im Laden und bei der Auslieferung. „Anna und ich mussten auch oft das Fleisch in der näheren Umgebung mit ausfahren. „Denn gung dat mit Rad los, dat Fleesch up Gepäckholler, de weer wat gröter as een normalen Gepäckholler.“
Die Eheleute führten die Schlachterei bis zu beider Tod im Jahre 1951. Nur noch einige Jahre übernahm Erich Franzen die Schlachterei in der Oldenburger Straße, dann gab er sie auf und baute das Geschäftshaus zu Mietwohnungen um. Erich Franzen lebte hier bis zu seinem 99. Lebensjahr, musste dann aber ins Altenwohnheim. Seinen schon geplanten großen Geburtstag zu feiern, blieb ihm versagt. Er starb am 23. Januar 2007. Georg Schwitters
„Heidmühle und Schortens in Bildern der Vergangenheit“ wird als Serie fortgesetzt. Wer historische Fotos und Dokumente zur Verfügung stellen kann, wende sich bitte an Georg Schwitters, Telefon (04461) 8 31 89.
